Alltag im Mittelalter - Wirtshaus


Im Mittelalter – etwa um das Jahr 1300 – unterschied sich das Wirtshausleben in Stadt und Dorf in wesentlichen Punkten, doch lassen sich gewisse Gemeinsamkeiten erkennen. Ein Wirtshaus war weniger ein Lokal im modernen Sinne, sondern vielmehr eine multifunktionale Stätte: Herberge, Schankstube, Treffpunkt für Handel und Nachrichten, Ort des Spiels und des sozialen Austausches.

Raum und Atmosphäre
Die Einrichtung war schlicht. Der Hauptraum war meist niedrig, die Wände vom Rauch geschwärzt. Ein offenes Herdfeuer oder eine einfache Feuerstelle spendete Wärme und diente zum Kochen. Da vielfach Schornsteine fehlten, blieb Rauch in der Stube hängen, sodass sich eine schwere Mischung aus Rauch, Bratgerüchen, dem säuerlichen Duft von Bier und Wein sowie dem Schweiß vieler Menschen in der Luft hielt. In städtischen Gasthäusern konnten mehrere Räume vorhanden sein, gelegentlich ein abgetrennter für Kaufleute oder Reisende von Stand, während es auf dem Dorf oft bei einer einzigen Schankstube blieb.

Möblierung
Die Möblierung war robust und zweckmäßig. Lange Holztische mit einfachen Bänken bestimmten das Bild; Stühle mit Lehne waren selten und eher wohlhabenden Gästen vorbehalten. Die Oberflächen waren grob behauen, mit Spuren unzähliger Mahlzeiten und Becher. Einen „Tresen“ im modernen Sinn gab es noch nicht, doch besaß das Wirtshaus meist einen Schanktisch oder eine große Anrichte. Dort standen die Fässer mit Bier oder Wein, und der Wirt zapfte Krüge oder Kannen. Dieser Schanktisch war zugleich Arbeitsplatz, Vorratsfläche und eine Art Mittelpunkt des Geschehens: Hierhin trat man heran, um zu bezahlen oder sich beim Wirt bemerkbar zu machen.

Sitzordnung und Bedienung
Einen festen Platz wies niemand zu. Gäste setzten sich, wo Platz war, meist an die langen Bänke, sodass man häufig neben Fremden saß. Auf diese Weise entstanden Gespräche und Geschäfte, aber auch Spannungen. Bedient wurde durch den Wirt oder die Wirtin selbst, manchmal unterstützt von Kindern oder Gesinde. Die Bestellung war formlos: man wandte sich direkt an den Wirt, der ausschenkte und Essen auftrug.

Preise und Bezahlung
Die Preise für Speisen und Getränke waren nicht völlig frei. In Städten regulierten die Stadträte vielfach den Ausschank, um Wucher zu verhindern. Auf dem Dorf richteten sich Preise stärker nach Jahreszeit und Angebot. Festgeschriebene Preislisten im modernen Sinne gab es nicht; der Preis wurde genannt und akzeptiert oder ausgeschlagen.

Die Bezahlweise folgte ebenfalls festen, aber einfachen Gepflogenheiten: Getränke und Speisen wurden in der Regel nicht sofort beim Servieren bezahlt, sondern am Ende des Aufenthalts „in einem Zug“ beglichen. Der Wirt behielt im Gedächtnis – oder auf einer kleinen Kreide- oder Kerbholzliste – wie viele Krüge oder Schalen ein Gast erhalten hatte. Erst vor dem Gehen wurde abgerechnet. Diese Praxis erleichterte den geselligen Ablauf, barg aber auch Streitpotenzial, wenn Gäste ihre Zeche nicht begleichen konnten oder wollten. In manchen städtischen Wirtshäusern, in denen viele Fremde verkehrten, konnte es allerdings vorkommen, dass ein neuer Gast zunächst ein Pfand hinterlegen oder doch für das erste Getränk gleich bezahlen musste, um Vertrauen zu schaffen.

Speisen und Getränke
Das wichtigste Getränk war Dünnbier, ein schwach alkoholisches Bier, das alltäglich konsumiert wurde. Stärkeres Bier oder Wein war teurer und in Städten leichter erhältlich, besonders im Rheinland. Branntwein war noch unbekannt. Das Essen bestand aus Brot, Brei, Käse, Zwiebeln und einfachen Fleisch- oder Fischgerichten. In Städten war die Auswahl reicher, gelegentlich mit gewürzten Fleischspeisen, während auf dem Land Eintöpfe und Gesottenes überwogen.

Öffnungszeiten und Nutzung
Feste Öffnungszeiten im modernen Sinne existierten nicht. Wirtshäuser öffneten mit Tagesbeginn und schlossen mit Einbruch der Dunkelheit oder wenn kein Gast mehr blieb. In Städten dauerte der Ausschank oft länger, besonders an Markttagen oder Festen. Auf dem Land folgte der Rhythmus stärker den Arbeitszeiten und dem Licht des Tages.

Zusammenfassung
Das Wirtshaus um 1300 war ein elementarer Ort sozialer Begegnung. Es roch nach Rauch, Bier und Essen, man setzte sich zu anderen an die groben Holzbänke, bestellte formlos beim Wirt am Schanktisch, zahlte am Ende der Einkehr seine Zeche und erhielt einfache, kräftige Speisen und Getränke. Der Schanktisch war der Vorläufer des modernen Tresens und zugleich der Ort, an dem das soziale und wirtschaftliche Geschehen kulminierte.

- Literatur -
* Hektor Ammann: Wirtschaft und Gesellschaft im Mittelalter. Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Stuttgart 1968.

* Karl-Heinz Spiess: Das Wirtshaus im Mittelalter. Gastlichkeit, Recht und Vergnügen zwischen 1000 und 1500. Darmstadt 2019.

* Hans-Werner Goetz: Wirtshaus, Herberge, Gastfreundschaft. Studien zum mittelalterlichen Gastgewerbe. Köln/Weimar/Wien 1983.

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