Der Erzengel Michael gehört zu den bedeutendsten Engelgestalten der jüdischen und christlichen Überlieferung. Seine Gestalt ist in den biblischen Schriften nur vergleichsweise selten erwähnt, entwickelte jedoch in der antiken jüdischen Literatur, in der christlichen Theologie, Liturgie und Ikonographie eine außerordentliche Wirkungsgeschichte. Historisch-wissenschaftlich betrachtet lässt sich zwischen den ältesten biblischen Texten, späteren jüdischen Traditionen, kirchlichen Auslegungen und volkstümlichen Entwicklungen unterscheiden. Für eine quellenbasierte Betrachtung ist entscheidend, nur diejenigen Aussagen zu treffen, die sich aus den überlieferten Texten tatsächlich belegen lassen.
Der Name Michael stammt aus dem Hebräischen „Mîkhā’ēl“ und bedeutet wörtlich „Wer ist wie Gott?“ oder „Wer gleicht Gott?“. Es handelt sich dabei nicht um eine Beschreibung von Macht oder Wesen, sondern um einen rhetorischen Gottesvergleich, der die Einzigkeit Gottes hervorhebt. Der Name erscheint bereits im Alten Testament als Personenname verschiedener Menschen, doch die Engelgestalt Michael begegnet erst in den spätalttestamentlichen Schriften des Buches Daniel.
Die ältesten eindeutig belegbaren Texte über den Engel Michael finden sich im Buch Daniel, dessen Endredaktion nach überwiegender Forschungslage in die Zeit der makkabäischen Krise des 2. Jahrhunderts v. Chr. gehört. In Daniel 10 erscheint Michael als eine himmlische Machtgestalt innerhalb einer Vision. Dort berichtet ein Engelwesen von einem kosmischen Kampf gegen den „Engelfürsten des Perserreiches“, wobei Michael als „einer der ersten Fürsten“ bezeichnet wird. Bereits diese Formulierung zeigt, dass Michael im Danielbuch nicht als einziges höchstes Engelwesen erscheint, sondern als herausragender himmlischer Fürst innerhalb einer gestuften Engelswelt. In Daniel 10,21 wird er ausdrücklich „euer Fürst“ genannt, also der himmlische Schutzengel Israels. In Daniel 12,1 erscheint Michael erneut als „der große Fürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt“. Der Text verbindet ihn mit endzeitlicher Rettung und mit der Auferstehung der Toten. Historisch bedeutsam ist dabei, dass Michael hier nicht als individueller Schutzengel einzelner Menschen erscheint, sondern als himmlischer Vertreter des Gottesvolkes Israel.
Die Vorstellung nationaler Schutzengel ist auch in anderen spätjüdischen Texten belegt und steht im Zusammenhang mit einer ausgeprägten Engelvorstellung der spätpersischen und hellenistischen Zeit. Viele Alttestamentler sehen im Danielbuch eine Entwicklung älterer israelitischer Vorstellungen unter Einfluss apokalyptischer Traditionen. Sicher belegbar ist jedenfalls, dass Michael im Danielbuch als kämpfender himmlischer Fürst erscheint, der in einem kosmischen Konflikt auf Gottes Seite steht.
Außerhalb des Danielbuches erscheint Michael im kanonischen Alten Testament nicht mehr. Seine Bedeutung wächst jedoch stark in der jüdischen Literatur der Zwischenzeit. Besonders wichtig ist das äthiopische Henochbuch, dessen älteste Teile vermutlich zwischen dem 3. und 1. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Dort zählt Michael zu den höchsten Engeln vor Gott. Er wird mehrfach als Beschützer Israels und als Gegner dämonischer Mächte dargestellt. Im sogenannten Wächterbuch des Henochbuches gehört Michael zu den Engeln, die Gott über die Verderbnis der gefallenen Engel berichten. Auch in anderen jüdischen Schriften wie den Qumrantexten begegnet Michael als himmlischer Heerführer. Die Schrift „Krieg der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis“ aus Qumran verbindet Michael mit dem endzeitlichen Kampf gegen die Mächte des Bösen. Diese Texte sind für die historische Entwicklung der Michaelvorstellung bedeutsam, gehören jedoch nicht zum jüdischen oder protestantischen Bibelkanon.
Im Neuen Testament erscheint Michael nur zweimal ausdrücklich namentlich. Der Judasbrief berichtet in Vers 9 von einem Streit zwischen Michael und dem Teufel um den Leichnam des Mose. Der Text nennt Michael dort ausdrücklich „den Erzengel“. Inhaltlich verweist die Stelle wahrscheinlich auf eine heute verlorene jüdische Schrift, die oft mit der „Himmelfahrt des Mose“ oder einer verwandten Tradition in Verbindung gebracht wird. Bemerkenswert ist, dass Michael den Satan nach diesem Text nicht eigenmächtig verurteilt, sondern sagt: „Der Herr strafe dich.“ Dies wurde später theologisch häufig als Zeichen seiner Unterordnung unter Gott interpretiert. Historisch feststellbar ist zunächst nur, dass Michael hier als hochrangiger Engel und Gegner Satans erscheint.
Die zweite neutestamentliche Stelle findet sich in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 12. Dort kämpft Michael mit seinen Engeln gegen den Drachen, der als „die alte Schlange“, „Teufel“ und „Satan“ identifiziert wird. Der Drache wird aus dem Himmel hinabgeworfen. Dieser Abschnitt gehört zu den bekanntesten Michaeltexten der christlichen Tradition. Historisch-exegetisch ist zu beachten, dass die Offenbarung stark symbolisch-apokalyptisch formuliert ist. Michael erscheint darin als himmlischer Heerführer im endzeitlichen Kampf gegen die widergöttlichen Mächte. Die Vorstellung eines himmlischen Krieges knüpft an ältere jüdische Apokalyptik an.
Eine weitere neutestamentliche Stelle, die später häufig mit Michael verbunden wurde, ist 1 Thessalonicher 4,16, wo vom „Ruf eines Erzengels“ bei der Wiederkunft Christi die Rede ist. Michael wird dort jedoch nicht ausdrücklich genannt. Ebenso nennt die Bibel keine genaue Anzahl von Erzengeln. Die Vorstellung von sieben Erzengeln stammt aus außerkanonischen jüdischen Traditionen, besonders aus dem Tobitbuch und dem Henochbuch.
Die frühe christliche Theologie übernahm die biblischen Aussagen über Michael und verband sie mit einer zunehmend ausgearbeiteten Engelslehre. Bereits Kirchenväter der Spätantike beschäftigten sich mit seiner Stellung. Origenes sah in Michael den Engel des jüdischen Volkes gemäß Daniel 10 und 12. Hieronymus deutete ihn als höchsten Engel Israels. Augustinus behandelte Michael im Rahmen seiner allgemeinen Engellehre, wobei er betonte, dass Engel geschaffene Wesen und keine göttlichen Mächte seien. Die Kirchenväter unterschieden dabei deutlich zwischen Verehrung und Anbetung: Anbetung gebühre allein Gott.
In der spätantiken Liturgie gewann Michael zunehmend Bedeutung als himmlischer Beschützer und Kämpfer gegen das Böse. Archäologisch und literarisch belegt ist seine Verehrung seit dem 4. Jahrhundert. Besonders im Osten entstanden zahlreiche Michaelheiligtümer. Eines der frühesten bekannten Michaelsheiligtümer befand sich bei Kolossai in Phrygien. Im Westen verbreitete sich der Michaelkult vor allem seit dem frühen Mittelalter. Der Monte Gargano in Süditalien entwickelte sich seit dem 5. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Michaelheiligtümer Europas. Historisch belegt ist außerdem die starke Verehrung Michaels im Frankenreich und später im Heiligen Römischen Reich.
Theologisch wurde Michael in verschiedenen Funktionen verstanden: als Führer der himmlischen Heerscharen, als Bezwinger Satans, als Schutzengel der Kirche oder des Gottesvolkes und als Begleiter der Seelen beim Gericht. Nicht alle diese Vorstellungen lassen sich unmittelbar aus der Bibel ableiten; viele entstanden aus liturgischer Tradition, apokryphen Texten und mittelalterlicher Frömmigkeit. Historisch sauber unterscheidbar bleibt jedoch, dass die Bibel selbst Michael vor allem als himmlischen Kämpfer und Schutzengel Israels beziehungsweise der Gläubigen darstellt.
In der mittelalterlichen Theologie wurde Michael häufig mit dem Endgericht verbunden. Besonders die Vorstellung des Seelenwägens entwickelte sich in der lateinischen Kunst und Liturgie. Diese Vorstellung ist jedoch nicht biblisch belegt. Sie entstand aus außerbiblischen Traditionen und ikonographischen Entwicklungen. Ebenso ist die populäre Vorstellung Michaels als Ritter mit Schwert und Drachen zwar seit der Spätantike und dem Mittelalter weit verbreitet, beruht ikonographisch jedoch vor allem auf der Auslegung von Offenbarung 12.
Die scholastische Theologie des Mittelalters behandelte Michael innerhalb der systematischen Engellehre. Thomas von Aquin diskutierte Engel allgemein als rein geistige Wesen und ordnete Michael traditionell den höchsten Engeln zu, ohne dass die Bibel selbst eine detaillierte Engelhierarchie liefern würde. Die mittelalterliche Einteilung in neun Engelchöre geht wesentlich auf Pseudo-Dionysius Areopagita zurück, dessen Schriften vermutlich im späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert entstanden. Michael wird darin meist den Erzengeln oder höchsten Engeln zugerechnet, doch handelt es sich hierbei um spätere theologische Systematisierungen.

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