Camillus von Lellis und Filippo Neri – eine Beziehung zwischen Vertrauen und Widerspruch


Als Camillus von Lellis nach seiner Bekehrung Ende des Jahres 1575 nach Rom zurückkehrte, wählte er Filippo Neri zu seinem Beichtvater. Über mehrere Jahre legte er regelmäßig an Sonn- und Festtagen bei ihm die Beichte ab. Bereits in dieser Zeit versah Camillus seinen Dienst im Hospital San Giacomo degli Incurabili.

Die erste überlieferte Meinungsverschiedenheit entstand 1575, als Camillus den Wunsch fasste, erneut in den Kapuzinerorden einzutreten. Filippo Neri riet ihm davon ab. Er forderte Camillus auf, im Hospital zu bleiben und dort Gott zu dienen. Zugleich sagte er voraus, dass die Beinwunde bei einer Rückkehr zum strengen Ordensleben wieder aufbrechen werde. Camillus folgte diesem Rat nicht und trat erneut bei den Kapuzinern ein. Nach kurzer Zeit musste er das Noviziat wegen der wieder aufgeplatzten Beinwunde verlassen und kehrte nach Rom zurück. Dort nahm er die geistliche Begleitung durch Filippo Neri wieder auf.

Während seiner weiteren Tätigkeit im Hospital San Giacomo entstand zu Beginn der 1580er Jahre der Plan, eine Gemeinschaft zu gründen, deren Mitglieder sich dauerhaft dem Dienst an den Kranken widmen sollten. Auch diesen Entschluss legte Camillus zunächst seinem Beichtvater vor. Filippo Neri sprach sich dagegen aus. Nach der frühen Lebensbeschreibung Sanzio Cicatellis begründete er seine Ablehnung damit, dass Camillus wegen seiner geringen Bildung nicht geeignet sei, eine neue Gemeinschaft zu leiten. Er forderte ihn auf, den Plan aufzugeben und den Krankendienst fortzusetzen.

Camillus hielt dennoch an seinem Vorhaben fest. Gemeinsam mit Bernardino Norcino und Curzio Lodi verließ er 1582 das Hospital San Giacomo und begann mit ihnen ein gemeinsames Leben. Der Leiter des Hospitals, Monsignore Cusano, beschwerte sich daraufhin bei Filippo Neri, weil das Hospital dadurch mehrere erfahrene Mitarbeiter verloren hatte. Filippo erklärte anschließend, Camillus sowie Bernardino Norcino und Curzio Lodi nicht länger als Beichtkinder anzunehmen. Die drei stellten sich daraufhin unter die geistliche Leitung des Jesuiten Ottaviano Cappelli.

Cicatelli überliefert eine Antwort des Camillus auf diese Entscheidung. Camillus bat Filippo, sich über sein Verhalten nicht zu wundern. Er sehe sich innerlich gedrängt, nicht nur für sein eigenes Heil Sorge zu tragen.

Damit endete 1582 die persönliche geistliche Begleitung durch Filippo Neri. Die späteren Lebenswege beider Männer verliefen getrennt. Filippo Neri starb 1595 in Rom. Camillus führte die von ihm gegründete Gemeinschaft weiter, die 1591 als Orden anerkannt worden war, und starb 1614 ebenfalls in Rom. Die erhaltenen Quellen zeichnen damit das Bild einer über mehrere Jahre bestehenden Beziehung, die als geistliche Begleitung begann und in entscheidenden Lebensfragen von offenem Widerspruch geprägt wurde.

Kommentare