Der Mönch hinter der Klinik der Päpste.


Die Gemelli-Klinik in Rom, oft als „Klinik der Päpste“ bezeichnet, gehört zu den bekanntesten Krankenhäusern Italiens. Das große Universitätsklinikum trägt den Namen des Franziskaners und Wissenschaftlers Agostino Gemelli. Doch während der Name des Hospitals vielen Menschen geläufig ist, bleibt die Person dahinter häufig im Hintergrund. Wer also war Agostino Gemelli, dessen Name heute eine der bedeutendsten katholischen Universitäten Europas und ihr Universitätsklinikum tragen?

Agostino Gemelli wurde am 18. Januar 1878 in Mailand geboren. Sein bürgerlicher Name lautete Edoardo Gemelli. Er stammte aus einem bürgerlichen Umfeld; sein Vater war Apotheker. Die Nähe zur Pharmazie und Medizin prägte seine frühe Ausbildung und führte ihn selbst zur medizinischen Laufbahn. Gemelli studierte Medizin an der Università degli Studi di Pavia, einer der ältesten Universitäten Italiens. Dort schloss er 1902 sein Studium mit einer Dissertation ab. Während seiner Studienzeit bewegte er sich in einem wissenschaftlichen Milieu, das stark vom Positivismus geprägt war, einer philosophischen Richtung, die die Naturwissenschaften und empirische Forschung in den Mittelpunkt stellte.
Nach seinem Abschluss arbeitete Gemelli zunächst als Arzt und Physiologe. Seine frühen wissenschaftlichen Interessen lagen insbesondere im Bereich der experimentellen Psychologie und Physiologie. In dieser Phase seines Lebens stand er religiösen Fragen eher distanziert gegenüber und bewegte sich teilweise in akademischen Kreisen, die der Kirche kritisch gegenüberstanden.

Um die Jahrhundertwende erlebte Gemelli jedoch eine tiefgreifende religiöse Wende. Nach eigenen späteren Darstellungen führten persönliche Begegnungen mit katholischen Intellektuellen sowie eine intensive Auseinandersetzung mit religiösen Fragen zu seiner Rückkehr zum katholischen Glauben. 1903 trat er in den Franziskanerorden ein und nahm den Ordensnamen Agostino an. Damit begann ein Lebensabschnitt, in dem er seine wissenschaftliche Ausbildung mit einer religiösen Berufung zu verbinden versuchte.

Nach seinem Eintritt in den Orden setzte Gemelli seine Studien fort und wurde 1911 zum Priester geweiht. Zugleich blieb er wissenschaftlich tätig. Sein besonderes Anliegen war es, die moderne wissenschaftliche Forschung mit dem katholischen Denken in Beziehung zu setzen. Gemelli vertrat die Auffassung, dass zwischen Glaube und Wissenschaft kein grundsätzlicher Widerspruch bestehen müsse, sondern dass beide Bereiche einander ergänzen könnten.

Diese Überzeugung prägte sein weiteres Wirken. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in Italien eine katholische Bewegung, die sich stärker im wissenschaftlichen und kulturellen Leben des Landes engagieren wollte. Gemelli wurde zu einer der zentralen Figuren dieser Bewegung. Gemeinsam mit anderen katholischen Intellektuellen setzte er sich für die Gründung einer katholischen Universität ein.
Dieses Projekt führte schließlich zur Gründung der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand im Jahr 1921. Die neue Universität sollte eine akademische Institution sein, die wissenschaftliche Forschung auf hohem Niveau betrieb und zugleich auf katholischen Prinzipien beruhte. Unterstützt wurde das Projekt auch von Papst Benedikt XV., der die Gründung der Universität befürwortete.
Gemelli spielte bei der Entwicklung dieser Universität eine entscheidende Rolle. Er wurde ihr erster Rektor und blieb über viele Jahre hinweg die prägende Persönlichkeit der Institution. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Universität zu einer der bedeutendsten katholischen Hochschulen Europas.

Neben seiner organisatorischen Arbeit blieb Gemelli auch als Wissenschaftler aktiv. Seine Forschung konzentrierte sich vor allem auf die Psychologie, insbesondere auf die Religionspsychologie. Er versuchte, religiöse Erfahrungen, mystische Phänomene und Formen der Frömmigkeit mit den Methoden der modernen Psychologie zu untersuchen. Dabei ging es ihm nicht darum, religiöse Erfahrungen zu widerlegen, sondern sie wissenschaftlich zu analysieren und besser zu verstehen.

Gemelli veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und war an der Gründung mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften beteiligt. Besonders wichtig wurde die Kultur- und Wissenschaftszeitschrift Vita e Pensiero, die bis heute erscheint und eng mit der katholischen Universität verbunden ist. Über diese und andere Publikationen versuchte Gemelli, eine Brücke zwischen katholischer Kultur und moderner Wissenschaft zu schlagen.
Sein Einfluss auf das katholische Bildungswesen in Italien war beträchtlich. Durch die Universität entstand ein Netzwerk von Fakultäten und wissenschaftlichen Einrichtungen, das sich im Laufe der Jahrzehnte stark ausweitete. Zu diesem Netzwerk gehört auch das große Universitätsklinikum in Rom, das später nach ihm benannt wurde.

Das Policlinico Universitario Agostino Gemelli wurde allerdings erst 1964, also einige Jahre nach seinem Tod, eröffnet. Es dient als Universitätsklinikum der katholischen Universität und entwickelte sich zu einem der größten Krankenhäuser Italiens. Internationale Bekanntheit erlangte die Klinik vor allem dadurch, dass mehrere Päpste dort behandelt wurden, darunter Johannes Paul II., der nach dem Attentat auf dem Petersplatz im Jahr 1981 dort operiert wurde.
Agostino Gemelli selbst erlebte diese Entwicklung nicht mehr. Er starb am 15. Juli 1959 in Mailand. Zu diesem Zeitpunkt hatte er jedoch bereits entscheidend dazu beigetragen, eine katholische Universität aufzubauen, die Wissenschaft, Medizin und Theologie miteinander verbinden sollte. Die spätere Benennung des römischen Universitätsklinikums nach ihm erinnert bis heute an diese Rolle.

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