Interview mit Bartolomé de las Casas


Das folgende Interview soll das Denken, die Spiritualität, die Theologie und das Menschenbild von Bartolomé de las Casas verständlich machen. Die Antworten sind keine Fiktion, sondern beruhen ausschließlich auf seinen eigenen Schriften und sind quellennahe Paraphrasen.

Frage 1: Bruder Bartolomé, aus welchem Umfeld stammen Sie, und wie kamen Sie in die Neue Welt?

Las Casas: Ich wurde in Sevilla geboren und kam früh nach Hispaniola. Mein Vater war an den ersten Unternehmungen beteiligt, und auch ich lebte zunächst wie andere Spanier dort. Ich erhielt Land und Arbeitskräfte und war Teil der kolonialen Ordnung, ohne ihr Unrecht zu Beginn klar zu erkennen.

Frage 2: Sie waren also selbst in das System eingebunden, das Sie später kritisierten?

Las Casas: Ja. Gerade das verleiht meinem Zeugnis Gewicht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie leicht man das Unrecht übersieht, wenn man davon profitiert. Meine spätere Haltung ist ohne diese persönliche Schuld nicht zu verstehen.

Frage 3: Was führte zu Ihrem inneren Wandel?

Las Casas: Die ernsthafte Betrachtung der Heiligen Schrift. Mir wurde bewusst, dass Gott das Opfer der Unterdrücker nicht annimmt. Ich erkannte, dass ich nicht zugleich Priester sein und vom Leid der Indios leben konnte, und gab deshalb meine Encomienda auf.

Frage 4: Warum traten Sie dem Dominikanerorden bei?

Las Casas: Der Orden der Prediger verpflichtete sich dem Studium, der Wahrheit und dem Gewissen. Ich suchte eine geistliche Ordnung, die mich zur Wahrheit band und mir die Kraft gab, öffentlich gegen Unrecht zu sprechen.

Frage 5: Welche Rolle spielt das Gewissen in Ihrem Denken?

Las Casas: Das Gewissen ist die höchste innere Verpflichtung vor Gott. Weder königliche Befehle noch kirchliche Privilegien können jemanden verpflichten, wissentlich Unrecht zu tun. Wer gegen sein Gewissen handelt, sündigt – selbst im Gehorsam gegenüber Autoritäten.

Frage 6: Wie begründen Sie Ihr positives Menschenbild der Indigenen?

Las Casas: Alle Menschen sind von Gott mit Vernunft und Freiheit geschaffen. Die Indios besitzen Gesetze, Herrschaftsformen, Städte und geordnete Gemeinwesen. Sie sind daher vollwertige Träger des Naturrechts und keineswegs von Natur aus zur Knechtschaft bestimmt.

Frage 7: Sie lehnen die aristotelische Lehre der natürlichen Sklaverei ab. Warum?

Las Casas: Aristoteles spricht von Menschen ohne Vernunft. Doch solche Menschen existieren nicht. Wer denken, planen, regieren und glauben kann, ist kein natürlicher Sklave. Die Anwendung dieser Lehre auf die Indios ist philosophisch falsch und moralisch verderblich.

Frage 8: Wie beurteilen Sie die spanische Eroberungspraxis?

Las Casas: Ich habe gesehen, wie friedliche Völker ohne rechtmäßigen Grund angegriffen, getötet und zerstört wurden – aus Gier nach Gold und Macht. Diese Gewalt war weder gerecht noch christlich, sondern eine schwere Sünde.

Frage 9: Wie verstehen Sie christliche Mission?

Las Casas: Der Glaube kann nur frei angenommen werden. Mission geschieht durch Lehre, Beispiel und Geduld, niemals durch Zwang oder Gewalt. Eine aus Furcht erzwungene Taufe ist keine wahre Bekehrung.

Frage 10: Sie haben später Ihre frühere Zustimmung zur afrikanischen Sklaverei widerrufen. Warum war Ihnen das wichtig?

Las Casas: Weil Unrecht nicht teilbar ist. Die Versklavung der Afrikaner ist ebenso ungerecht wie die der Indios. Dass ich dies nicht von Anfang an erkannte, bereue ich zutiefst. Wahrheit und Reue sind für mich wichtiger als mein eigener Ruf.

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