Von Livorno aus reiste Hadrian langsam weiter nach Süden. Die Reise führte durch Mittelitalien und war zugleich ein politischer Annäherungsprozess an die italienischen Machtverhältnisse, mit denen er bislang nur indirekt zu tun gehabt hatte. Die Lage Italiens war 1522 außerordentlich angespannt. Die sogenannten Italienischen Kriege zwischen Frankreich und dem Haus Habsburg bestimmten die Politik der Halbinsel. Der Kirchenstaat war dabei nicht unabhängig von den Großmächten, sondern stand unter erheblichem Druck. Hadrian trat sein Amt also in einer Situation an, in der diplomatische Balance, militärische Bedrohung und finanzielle Probleme gleichzeitig bestanden.
Als er Rom erreichte, wurde rasch deutlich, dass seine Regierungsweise sich stark von der seines Vorgängers Leo X. unterscheiden würde. Leo X., ein Medici-Papst, hatte einen aufwändigen Renaissancehof unterhalten, enorme Summen für Kunst, Feste und Patronage ausgegeben und die römische Kurie tief in ein System aus Ämterkauf, Patronage und finanziellen Interessen eingebunden. Hadrian betrachtete viele dieser Zustände mit offenem Misstrauen. Zeitgenössische Quellen und spätere Darstellungen berichten übereinstimmend, dass er den luxuriösen Lebensstil der Kurie ablehnte und die Verwaltungsausgaben zu reduzieren versuchte. Er kürzte Hofausgaben, beschränkte repräsentative Feste und ging gegen Formen des Ämterverkaufs vor. Gerade diese Maßnahmen machten ihn in Rom schnell unpopulär. Zahlreiche Mitglieder der Kurie verloren Einnahmen oder Einfluss. Besonders die römischen Humanisten und Künstler standen ihm distanziert gegenüber. Hadrian galt ihnen als Fremder, dessen Frömmigkeit und Verwaltungsstil nicht zur Kultur des Renaissancehofes passten.
Die Forschung betont allerdings, dass Hadrian kein Gegner von Bildung oder Gelehrsamkeit war. Er selbst war Universitätsgelehrter gewesen und hatte jahrzehntelang akademisch gearbeitet. Seine Ablehnung richtete sich weniger gegen Wissenschaft oder Kunst als gegen den finanziellen und moralischen Zustand der Kurie. Gerade darin sah er eine der Ursachen für die Krise der Kirche. Diese Krise war inzwischen unübersehbar geworden. Martin Luther hatte seit 1517 eine Bewegung ausgelöst, die sich weit über den ursprünglichen Ablassstreit hinausentwickelt hatte. Zahlreiche Reichsstände und Städte sympathisierten mit reformatorischen Forderungen. Hadrian erkannte die Schwere der Situation deutlicher als viele seiner Vorgänger. Besonders bemerkenswert ist deshalb seine Haltung auf dem Nürnberger Reichstag von 1522/23. Dort ließ er durch seinen Legaten Francesco Chieregati erklären, dass Missstände und Sünden in der Kirche tatsächlich existierten und dass Fehler auch an der römischen Kurie begangen worden seien. Diese Erklärung gehört zu den wichtigsten päpstlichen Eingeständnissen kirchlicher Missstände im frühen 16. Jahrhundert.
Gleichzeitig blieb Hadrian in theologischen Fragen strikt auf der Position der traditionellen Kirche. Er war bereit, Reformen der Verwaltung und der Disziplin zu unterstützen, nicht aber eine Veränderung der kirchlichen Lehre. Luther betrachtete er weiterhin als Häretiker. Seine Politik versuchte deshalb, innere Reform und Verteidigung der kirchlichen Einheit miteinander zu verbinden. Gerade diese doppelte Strategie erwies sich jedoch als schwierig. Die reformatorische Bewegung entwickelte bereits eine eigene Dynamik, während die Kurie selbst vielfach Widerstand gegen tiefgreifende Reformen leistete.
In diesem Zusammenhang bemühte sich Hadrian auch darum, bedeutende Gelehrte für seine Reformpolitik zu gewinnen. Besonders wichtig war dabei Erasmus von Rotterdam. Obwohl Erasmus und Hadrian unterschiedlichen geistigen Traditionen angehörten — Erasmus dem Humanismus, Hadrian der scholastischen Universitätskultur — bestand zwischen beiden gegenseitiger Respekt. Hadrian versuchte, Erasmus als Berater nach Rom zu holen. Zeitgenössische Briefe und spätere biografische Darstellungen berichten zudem, dass Hadrian Erasmus wahrscheinlich sogar die Kardinalswürde in Aussicht stellte. Erasmus lehnte jedoch ab. Als Gründe nennt die Überlieferung vor allem seinen schlechten Gesundheitszustand sowie seine Zurückhaltung gegenüber einem dauerhaften Aufenthalt an der römischen Kurie. Damit scheiterte Hadrians Versuch, einen der angesehensten europäischen Gelehrten enger an das päpstliche Reformprogramm zu binden.
Auch außenpolitisch stand Hadrian vor erheblichen Problemen. Der Konflikt zwischen Kaiser Karl V. und dem französischen König Franz I. bestimmte weiterhin die europäische Politik. Hadrian bemühte sich zunächst um eine vermittelnde Stellung. Sein Ziel war ein gemeinsames Vorgehen der christlichen Mächte gegen die Expansion des Osmanischen Reiches. Tatsächlich hatte die osmanische Expansion unter Sultan Süleyman I. gerade in diesen Jahren dramatisch an Bedeutung gewonnen. 1521 war Belgrad gefallen, und 1522 eroberten die Osmanen Rhodos nach langer Belagerung von den Johannitern. Diese Entwicklung wurde in Rom mit großer Sorge verfolgt. Hadrian sah in der Uneinigkeit der christlichen Fürsten ein zentrales Problem und versuchte wiederholt, Frieden zwischen Frankreich und dem Kaiser herzustellen.
Diese Vermittlungsbemühungen blieben jedoch weitgehend erfolglos. Die politischen Interessen Frankreichs und der Habsburger waren zu gegensätzlich. Schließlich näherte sich Hadrian stärker der kaiserlichen Seite an. Diese Entwicklung entsprach teilweise auch seiner eigenen Vergangenheit als Berater und Erzieher Karls V. Dennoch blieb sein Verhältnis zum Kaiser nicht spannungsfrei, denn Hadrian versuchte weiterhin, die politische Eigenständigkeit des Papsttums zu bewahren.
Während seines gesamten Pontifikats nahm Hadrian VI. nur eine einzige Kardinalserhebung vor. Im Konsistorium vom 10. September 1523 erhob er Willem van Enckevoirt, den Bischof von Utrecht, zum Kardinal. Van Enckevoirt gehörte seit langem zu Hadrians engstem Umfeld. Beide kannten sich bereits aus den Niederlanden und standen auch später in enger persönlicher Verbindung. Die Forschung beschreibt das Verhältnis ausdrücklich als freundschaftlich und von großem gegenseitigem Vertrauen geprägt. Die Ernennung van Enckevoirts war zugleich bemerkenswert, weil Hadrian keinen weiteren Kardinal kreierte. Damit blieb van Enckevoirt der einzige Kardinal, den Hadrian VI. während seines gesamten Pontifikats erhob.
Sein Pontifikat war insgesamt kurz und von dauernden Belastungen geprägt. Die Finanzlage des Kirchenstaates blieb schwierig, die Reformprojekte stießen auf Widerstände, die deutsche Kirchenfrage verschärfte sich weiter, und die außenpolitische Lage blieb instabil. Dazu kamen gesundheitliche Probleme. Zeitgenössische Berichte beschreiben Hadrian als körperlich geschwächt und durch die Arbeitslast stark beansprucht. Schon während seiner früheren politischen Tätigkeit in Spanien hatte sich gezeigt, dass Hadrian kein charismatischer Machtpolitiker oder großer militärischer Organisator war. Bereits während des Comuneros-Aufstands hatte seine Stellung zeitweise als politisch schwach gegolten, weil ihm militärische Mittel und regionale Unterstützung fehlten. Seine Regierungsweise beruhte vielmehr auf Verwaltungsdenken, juristischer Argumentation, persönlicher Disziplin und Beharrlichkeit. Diese Eigenschaften prägten auch sein Pontifikat in Rom. Doch gerade diese nüchterne und verwaltungsorientierte Art erschwerte es ihm, sich in der komplexen höfischen und politischen Kultur der Renaissancekurie durchzusetzen.
Bereits nach etwas mehr als einem Jahr Pontifikat verschlechterte sich sein Gesundheitszustand deutlich. Hadrian VI. starb am 14. September 1523 in Rom. Sein Pontifikat hatte nur etwa zwanzig Monate gedauert. Nach seinem Tod wurde er zunächst provisorisch in Alt-St. Peter beigesetzt. Später erfolgte die Überführung seines Grabmals in die deutsche Nationalkirche Santa Maria dell’Anima in Rom, wo sich sein Grab bis heute befindet. Mit seinem Tod endete eines der ungewöhnlichsten Pontifikate des frühen 16. Jahrhunderts: das kurze Papsttum eines niederländischen Theologen und Universitätsgelehrten, der versucht hatte, die römische Kirche in einer Zeit tiefgreifender religiöser und politischer Krisen zu reformieren.
Teil 1 Teil 3

Kommentare
Kommentar veröffentlichen