Plädoyer für den Begriff des gelebten Charismas
Der Begriff Ehrenamt ist im kirchlichen Kontext problematisch. Nicht nur, weil er aus einer weltlich-administrativen Logik stammt, sondern vor allem, weil er theologisch zu kurz greift. Er beschreibt eine Tätigkeit – aber nicht ihre geistliche Wirklichkeit. Wer in der Kirche handelt, handelt nicht „ehrenhalber“, sondern aus Berufung. Deshalb sollte in der Kirche nicht vom Ehrenamt gesprochen werden, sondern von gelebtem Charisma.
1. Der Ehrenamtsbegriff stammt aus einer fremden Logik
Das Ehrenamt ist historisch ein Begriff aus Staat, Kommune und Verein. Er dient der Abgrenzung von bezahlter Arbeit und beschreibt freiwilliges, unentgeltliches Engagement. Diese Logik ist funktional, organisatorisch und juristisch sinnvoll – aber sie ist nicht theologisch.
Überträgt man diesen Begriff unreflektiert auf die Kirche, entsteht ein Missverständnis: Kirchliches Handeln erscheint als etwas Zusätzliches, als Hilfeleistung „nebenbei“, als freiwillige Unterstützung eines Apparates. Genau das aber widerspricht dem Selbstverständnis der Kirche als Leib Christi.
2. Kirche lebt nicht von Funktionen, sondern von Berufung
Nach christlichem Verständnis ist jeder Mensch einmalig von Gott geschaffen: mit Fähigkeiten, Begabungen, Neigungen und einem freien Willen. Diese Gaben sind kein Zufall und kein bloßes Talentreservoir, sondern Ausdruck dessen, wozu ein Mensch gerufen ist.
Christliches Handeln entspringt daher nicht primär dem Bedürfnis einer Institution, sondern der Berufung des Einzelnen. Ich tue nicht etwas „für die Kirche“, sondern ich lebe das, wozu Gott mich befähigt und gerufen hat. Dieses Tun ist keine Zusatzleistung, sondern Teil meines Christseins.
3. Charisma statt Ehrenamt
Der theologisch angemessene Begriff dafür ist Charisma. Charismen sind Gaben Gottes, die dem Menschen geschenkt werden – nicht zu seiner Selbsterhöhung, sondern zum Dienst am Ganzen. Sie sind vielfältig, unterschiedlich und nicht austauschbar.
Von gelebtem Charisma zu sprechen bedeutet:
• Ich handle nicht, weil „jemand gebraucht wird“, sondern weil ich gerufen bin.
• Ich tue nicht etwas Beliebiges, sondern das, was meinem Wesen entspricht.
• Mein Engagement ist keine Pflichtübung, sondern Ausdruck meiner Beziehung zu Gott.
Das Ehrenamt fragt: Was kannst du für uns tun?
Das Charisma fragt: Wer bist du – und wozu bist du gerufen?
4. Gelebtes Charisma ist Selbstverwirklichung im theologischen Sinn
Christliche Selbstverwirklichung ist kein egoistisches Konzept. Sie bedeutet, der Mensch zu werden, der ich vor Gott bin. Dazu gehört:
• mein Können einzusetzen,
• mein Wollen ernst zu nehmen,
• meine Begabungen nicht zu verbergen,
• meine Freiheit verantwortlich zu leben.
Wer sein Charisma lebt, dient nicht nur anderen, sondern wächst selbst. Das Tun in der Kirche ist dann kein Opfer im negativen Sinn, sondern eine Form geistlicher Reife: Ich werde mehr ich selbst – und gerade dadurch fruchtbar für andere.
5. Konsequenzen für die kirchliche Praxis
Wenn kirchliches Engagement als Ehrenamt verstanden wird, besteht die Gefahr von Überforderung, Instrumentalisierung und innerer Distanz. Menschen „springen ein“, „helfen aus“, „machen mit“.
Wenn es dagegen als gelebtes Charisma verstanden wird, verändert sich alles:
• Aufgaben werden nicht verteilt, sondern entdeckt.
• Menschen werden nicht eingesetzt, sondern begleitet.
• Engagement wird nicht verwaltet, sondern geistlich unterschieden.
Schluss
In der Kirche kann es kein Ehrenamt geben, weil das Wort die Tiefe dessen verfehlt, was hier geschieht. Christliches Handeln ist Antwort auf einen Ruf. Es ist Ausdruck dessen, dass Gott jedem Menschen etwas Einzigartiges anvertraut hat.
Deshalb sollten wir nicht fragen, wer ehrenamtlich helfen kann, sondern wer bereit ist, sein Charisma zu leben. Denn Kirche entsteht dort, wo Menschen das werden, wozu sie geschaffen sind – und genau darin handeln.

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