Herkunft, Aufstieg und Weg zur Papstwahl (1459–1522)
Seine erste Schulbildung stand vermutlich im Umfeld der Devotio moderna und der Brüder vom gemeinsamen Leben. Die Quellen nennen Schulen in Zwolle oder Deventer, wobei die genaue Rekonstruktion seiner frühesten Ausbildungsjahre nicht in allen Einzelheiten gesichert ist. Sicher belegt ist dagegen sein Eintritt in die Universität Löwen im Jahr 1476. Dort studierte er zunächst die artes und anschließend Theologie. 1478 erwarb er den Magistergrad, 1491 den theologischen Doktorgrad. Löwen war damals eines der wichtigsten Zentren scholastischer Theologie in den burgundischen Niederlanden, und Hadrian machte dort eine außergewöhnliche akademische Karriere. Er lehrte Theologie, wurde mehrfach zum Rektor der Universität gewählt und gehörte zu den angesehensten Gelehrten der Hochschule. Seine Lehrtätigkeit stand in der Tradition der spätmittelalterlichen Scholastik. Er verfasste unter anderem Quaestionen und Kommentare zu den „Sentenzen“ des Petrus Lombardus. Zeitgenössische und spätere Quellen beschreiben ihn als nüchternen, disziplinierten und streng argumentierenden Theologen.
Seine Stellung in Löwen beschränkte sich jedoch nicht auf die Universität. Hadrian war zugleich in mehreren kirchlichen Ämtern tätig. Er wurde Dekan des Stiftskapitels von St. Peter in Löwen, einer der bedeutendsten geistlichen Institutionen der Stadt. Darüber hinaus hatte er weitere Benefizien und Seelsorgeämter inne. Dazu gehörte insbesondere das Amt des Pfarrers am Großen Beginenhof von Löwen. Der Große Beginenhof war eine große religiöse Frauengemeinschaft mit eigener kirchlicher Struktur und erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Hadrian war dort nicht lediglich nominell eingesetzt, sondern tatsächlich mit der geistlichen Aufsicht verbunden. Diese Ämter zeigen, dass seine Laufbahn nicht nur akademisch verlief, sondern tief in die kirchliche Verwaltungs- und Seelsorgepraxis eingebunden war. In Löwen bewegte er sich damit zugleich in der Welt universitärer Theologie, kirchlicher Verwaltung und städtischer Religiosität.
Zu seinen Hörern gehörte Erasmus von Rotterdam. Zwischen beiden bestand jedoch keine eigentliche geistige Nähe. Erasmus stand dem Humanismus nahe und kritisierte vielfach die scholastische Methode, während Hadrian in der traditionellen Universitätslehre verwurzelt blieb. Dennoch begegnete Erasmus Hadrian später mit Respekt, besonders wegen seiner persönlichen Integrität.
Der entscheidende Wendepunkt seiner Laufbahn erfolgte 1507, als er zum Lehrer des jungen Karl bestellt wurde, des späteren Kaisers Karl V. Diese Ernennung brachte Hadrian aus der Welt der niederländischen Universitäten in die unmittelbare Nähe der europäischen Dynastiepolitik. Karl war Erbe eines Herrschaftskomplexes, der Burgund, die Niederlande, Spanien sowie später das Heilige Römische Reich umfasste. Hadrian unterrichtete ihn insbesondere in religiösen und moralischen Fragen. Die Quellen beschreiben das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler als vertrauensvoll. Karl zog Hadrian deshalb später wiederholt als Berater und Amtsträger heran.
1515 wurde Hadrian im Auftrag Karls nach Spanien geschickt. Dort sollte er die Anerkennung von Karls Herrschaft vorbereiten und die komplizierte politische Situation nach dem Tod Ferdinands II. stabilisieren helfen. Spanien war zu diesem Zeitpunkt kein einheitlicher Zentralstaat, sondern bestand aus mehreren Kronen und Rechtsräumen mit starken regionalen Rechten. Hadrian bewegte sich deshalb in einer politischen Landschaft, die von Spannungen zwischen königlicher Zentralgewalt und lokalen Eliten geprägt war.
1516 wurde er Bischof von Tortosa. Das Bistum lag im Herrschaftsraum der Krone Aragón und war politisch wie kirchlich bedeutend. 1517 ernannte man ihn zum Generalinquisitor für Aragón und Navarra; später wurde seine Zuständigkeit auch auf Kastilien und León ausgeweitet. Im selben Jahr erhob Papst Leo X. ihn zum Kardinal. Diese Ämter machten Hadrian zu einem der wichtigsten Vertrauensmänner Karls in Spanien.
Seine politische Tätigkeit dort war schwierig und nur teilweise erfolgreich. Besonders deutlich zeigte sich dies während des Aufstands der Comuneros in Kastilien zwischen 1520 und 1521. Als Karl Spanien verließ, um sich im Reich um die Kaiserkrone zu kümmern, blieb Hadrian als Regent zurück. Die kastilischen Städte rebellierten gegen die Regierungspolitik, gegen den Einfluss ausländischer Berater und gegen Steuerforderungen. Hadrian musste versuchen, die königliche Herrschaft aufrechtzuerhalten, verfügte aber zunächst weder über ausreichende militärische Mittel noch über eine breite politische Unterstützung. Zeitgenössische Quellen und moderne Forschung beschreiben seine Stellung in dieser Phase als schwach. Mehrfach musste er auf Verhandlungen setzen, weil ihm die tatsächliche Kontrolle fehlte. In Teilen Kastiliens wurde seine Autorität offen missachtet.
Gleichzeitig gelang es Hadrian jedoch, die königstreuen Kräfte zusammenzuhalten. Gemeinsam mit anderen königlichen Vertretern organisierte er den Widerstand gegen die Comuneros. Nach der Niederlage der Aufständischen in der Schlacht von Villalar im April 1521 brach die Bewegung militärisch zusammen. Die Forschung bewertet Hadrians Rolle dabei differenziert. Er gilt nicht als charismatischer Machtpolitiker oder großer militärischer Organisator. Seine Regentschaft war von Vorsicht, juristischer Argumentation und Verwaltungsdenken geprägt. Dennoch gelang es ihm letztlich, die habsburgische Herrschaft in Spanien während Karls Abwesenheit aufrechtzuerhalten. Sein Erfolg bestand weniger in persönlicher politischer Brillanz als in administrativer Beharrlichkeit und Loyalität gegenüber Karl.
Als Papst Leo X. am 1. Dezember 1521 starb, befand sich Hadrian weiterhin in Spanien. Das folgende Konklave war von starken Fraktionskämpfen geprägt. Weder die französische noch die kaiserliche Partei konnte ihren Hauptkandidaten durchsetzen. In dieser Situation wurde Hadrian zu einem Kompromisskandidaten. Am 9. Januar 1522 wählten ihn die Kardinäle zum Papst. Die Wahl war außergewöhnlich, weil Hadrian nicht in Rom anwesend war und zudem kein Italiener war. Seit Jahrhunderten hatten fast ausschließlich Italiener den päpstlichen Thron besetzt. Hadrian war außerdem kein typischer Kurienkardinal, sondern ein Gelehrter und Verwaltungsbeamter aus dem habsburgischen Machtbereich.
Die Nachricht von seiner Wahl erreichte ihn in Spanien. Die Annahme der Wahl und die Vorbereitung der Reise nahmen mehrere Monate in Anspruch. Erst im Sommer 1522 trat er die Reise nach Italien an. Die Quellen nennen den katalanischen Küstenraum, insbesondere Tarragona beziehungsweise den Hafen von L’Ampolla, als Ausgangspunkt der Überfahrt. Nach der Mittelmeerreise erreichte Hadrian italienischen Boden in Livorno in der Toskana. Ludwig von Pastor nennt ausdrücklich den 19. August 1522 als Datum der Landung. Mit dieser Ankunft in Livorno endete die lange Phase zwischen der Wahl des abwesenden Papstes in Spanien und seinem tatsächlichen Erreichen Italiens.
Teil 2

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