„Mission oder Unterwerfung?“ – Ein Gespräch mit Junípero Serra


Ein fiktives Interview mit Junípero Serra, welches ihn als Kind seiner Zeit verstehen helfen soll. (Biographie)

Journalist: Pater Serra, Sie sind seit mehr als zehn Jahren in den spanischen Missionen tätig. Kritiker in Mexiko und Madrid sagen, Ihre Arbeit gleiche eher einer Zwangsbekehrung als einer freiwilligen Mission. Was sagen Sie dazu?

Serra:

Es schmerzt mich, wenn man unser Werk auf Zwang reduziert. Wir sind Brüder des heiligen Franziskus, wir predigen Frieden, Armut und Hingabe an Gott. Aber wir leben in einer Welt, in der Seelen verloren gehen können, wenn wir sie nicht rechtzeitig erreichen.

Wenn ein Hirte sieht, wie seine Schafe in eine Schlucht zu stürzen drohen, ruft er nicht nur leise. Er greift ein. Manche mögen das Eingreifen als Zwang sehen, ich sehe darin Fürsorge.

Wir laden die Menschen ein, das Evangelium zu hören – und wenn sie es gehört haben, müssen wir sie begleiten, Tag für Tag, bis es ihre Herzen formt. Das geschieht nicht immer auf sanften Pfaden. Aber in einer Welt, in der die Versuchungen groß und die heidnischen Bräuche mächtig sind, darf der Hirte nicht zaudern.


Journalist: Das klingt, als sei der Zweck wichtiger als die Mittel. Berichte sprechen von Eingriffen in die Lebensweise der indigenen Bevölkerung – Verbot traditioneller Tänze, der Zwang, europäische Kleidung zu tragen, und die Beschränkung der Bewegungsfreiheit. Ist das christliche Nächstenliebe?

Serra:

Nächstenliebe bedeutet nicht, dass man alles lässt, wie es war. Wenn wir Christus nachfolgen, müssen wir das Alte ablegen. Ich habe gesehen, wie Tänze und Feste, so schön sie in den Augen der Menschen scheinen mögen, in Wirklichkeit Fesseln sind – Fesseln, die sie an Götzen und Riten binden, die sie von Gott trennen.

Die Kleidung ist nur ein äußeres Zeichen, doch sie hilft, die innere Wandlung zu unterstützen. Wenn ein Neubekehrter die Tracht des Christen trägt, fühlt er sich auch eher als Teil der neuen Gemeinschaft.

Und was die Bewegungsfreiheit betrifft – wir müssen darauf achten, dass sie nicht in alte Lebensweisen zurückfallen. Die Versuchung ist groß, zum Stamm zurückzukehren, wo sie sich dem Glauben entziehen könnten. Die Mission ist ihr neues Dorf, ihre neue Heimat – und wir tragen Verantwortung für sie, wie Eltern für ihre Kinder.


Journalist: Ordnung – oder Kontrolle? Zeitgenössische Beobachter sagen, die Missionen seien eher befestigte Lager. Wer flieht, wird von Soldaten zurückgebracht.

Serra:

Ich verstehe diese Sichtweise, doch sie ist einseitig. Wir leben in einer Grenzregion, weit entfernt von den Städten Spaniens oder Mexikos. Wir sind umgeben von Stämmen, die uns noch nicht kennen, oder die feindlich gesinnt sind. Ohne Schutz wären unsere Brüder, die Katechumenen, und wir selbst schutzlos.

Ja, es gibt Palisaden, Mauern und Wachposten. Aber sehen Sie: Auch ein Kloster in Europa hat Mauern, um die Brüder vor der Welt zu schützen.

Wenn jemand flieht, frage ich mich immer zuerst, was ihn dazu gebracht hat. Ist es Angst? Heimweh? Verführung durch alte Gewohnheiten? Wir bringen sie zurück, nicht um sie zu bestrafen, sondern um sie zu bewahren. Das mag hart erscheinen, aber es ist ein Werk der Beharrlichkeit.


Journalist: Ihre Kritiker behaupten, dass unter dem Deckmantel der Religion eine Form der kulturellen Auslöschung betrieben wird – Sprache, Religion, und Bräuche der Ureinwohner verschwinden.

Serra:

Ich weiß, dass viele das so sehen. Doch lassen Sie mich erklären: Wir bringen nicht den Tod einer Kultur, sondern ihre Verwandlung. Wenn Sie einen wilden Olivenbaum pfropfen, schneiden Sie nicht alles ab. Sie fügen etwas hinzu, damit er gute Frucht trägt.

Die Sprachen der Stämme sind reich, aber sie trennen die Menschen voneinander. Das Spanische erlaubt es ihnen, miteinander und mit der Krone zu sprechen. Das Evangelium in einer gemeinsamen Sprache schafft Einheit.

Ja, die alten Religionen verschwinden – und das ist auch nötig, denn zwei Herren kann man nicht dienen. Aber das Handwerk, das Wissen um die Natur, die Musik – vieles nehmen wir auf und weihen es Gott.


Journalist: Doch die Sterblichkeit in den Missionen ist hoch. Manche sagen, die enge Unterbringung, neue Krankheiten und fehlende medizinische Versorgung töten mehr, als die Missionsarbeit rettet.

Serra:

Die Krankheiten sind mein größter Schmerz. Ich habe Nächte an den Betten der Kranken verbracht, ohne zu schlafen, um ihnen Wasser, Brühe oder Trost zu geben.

Ja, manche sterben. Aber sie sterben im Glauben. Ist es besser, dass sie fernbleiben und im Heidentum sterben, ohne Sakramente, ohne Hoffnung auf das ewige Leben?

Wir versuchen, ihnen beizubringen, sich zu schützen – Hütten sauber zu halten, Wasser zu kochen. Wir nutzen Heilpflanzen und, wenn möglich, Mittel aus Mexiko. Doch wir leben hier am Ende der Welt. Manchmal reicht unsere Kraft nicht aus, und das bricht mir das Herz.


Journalist: 2025 – also lange nach Ihrer Zeit – werden Sie heiliggesprochen. Doch gleichzeitig werden in Kalifornien Ihre Statuen gestürzt. Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre Arbeit eines Tages als Teil einer gewaltsamen Kolonisierung gesehen wird?

Serra (lange Pause):

Es mag sein, dass spätere Zeiten anders urteilen. Vielleicht sehen sie nur die Härte, nicht den Glauben, nur den Bruch, nicht den Neubeginn.

Ich weiß, dass wir im Auftrag der Krone handeln. Aber ich sage Ihnen: Hätte mich die Krone morgen entlassen, ich wäre geblieben – als einfacher Priester unter den Indianern, um ihnen Christus zu bringen.

Wenn die Nachwelt mich anklagt, so bitte ich, dass sie auch meine Liebe zu diesen Menschen sieht, die ich meine Kinder nenne. Ich habe meine Gesundheit, meine Heimat und mein Leben für sie gegeben. Ich hoffe, Gott wird mein Richter sein, nicht allein die Geschichte.

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